16 Tage Ausnahmezustand. Tausende Gäste, unzählige Masskrüge und kaum eine Minute Pause. Warum freut sich trotzdem jedes Jahr dieselbe junge Frau auf genau diese Zeit? Wiesn-Bedienung Celina Pscherer erzählt aus ihrem Alltag im Hacker-Festzelt – von Zusammenhalt, Gänsehautmomenten und einem Zauber, den man nur schwer in Worte fassen kann.
Es gibt Menschen, die zählen die Tage bis zum Sommerurlaub. Und es gibt Menschen, die zählen die Tage bis zum Wiesn-Anstich. Ich bin eine dieser Menschen. Für viele bedeutet die Wiesn ein paar Tage Ausnahmezustand. Für mich ist es ein Gefühl. Eines, das ich jedes Jahr aufs Neue kaum erwarten kann.
Ich bin Celina, mittlerweile 24 Jahre alt und arbeite dieses Jahr schon zum fünften Mal auf dem größten Volksfest der Welt. Meine Liebe zu Volksfesten begann aber schon viel, viel früher. Meine Mama ist als klassisches Wirtshauskind aufgewachsen und mein Papa stand mit der Musik auf der Bühne im Bierzelt … Eigentlich war mir mein Weg als Volksfestbedienung bereits in die Wiege gelegt.
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Wir saßen am 15. August, meinem Geburtstag, wieder einmal zum Mittagstisch im Zelt am Hammericher Frauerdog in Mehlmeisel im Landkreis Bayreuth, dem Ort, an dem meine Eltern großgeworden sind. Ich war vielleicht elf Jahre alt, nicht viel kleiner, aber doch ein Stückchen jünger als jetzt. Schon damals war ich unglaublich fasziniert von den Mädels und Frauen, die den ganzen Tag über von früh bis spät diese schweren Krüge durchs Zelt schleppten. Das war für mich der Inbegriff von Powerfrauen. Frauen, die mit verschmitztem Lächeln, Stärke und Durchhaltevermögen immer einen flotten Spruch auf Lager haben. Und die diese Knochenarbeit aussehen lassen, als wäre sie ein Kinderspiel. Schon damals stand für mich fest: Das möchte ich auch mal machen, wenn ich groß bin. Naja, größer als meine stolzen 1,60 Meter bin ich zwar nie geworden und werde es vermutlich auch nicht mehr, aber Kellnerin – diesen Traum habe ich mir tatsächlich verwirklicht.
Manchmal frage ich mich, wie viele Zufälle nötig waren, damit ich jetzt jedes Jahr im September im Dirndl, mit einem kleinen Rucksack, zurechtgebügelt und mit stramm geschnalltem Kellnergürtel um die Hüfte, bei strahlendem Sonnenschein am Samstagmorgen um 8:30 Uhr über die Theresienwiese ins Hacker-Festzelt stapfe.
Ein wahrhaftiger „Butterfly Effect“ – wie es meine junge Social-Media-Generation sagen würde. Für alle, die mit diesem Begriff wenig anfangen können: Der Schmetterlingseffekt ist ein Phänomen der nichtlinearen Dynamik. Er besagt, dass kleine Veränderungen große, unvorhersehbare Auswirkungen haben können. Der Meteorologe Edward Lorenz fragte sich 1972: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ Dieser Tornado hat auch mich verschluckt und im Wiesn-Wirbel auf der Theresienwiese wieder ausgespuckt.
Wäre ich nicht zum Studium nach Passau gezogen, wäre ich wahrscheinlich nie im Festzelt gelandet. Hätte ich mit 15 nicht in einem kleinen Wirtshaus im Nachbarort angefangen zu kellnern, hätte ich vermutlich nie gemerkt, wie sehr mir die Arbeit mit Menschen liegt. Und hätte ich 2024 nicht spontan damit begonnen, meinen Wiesn-Alltag auf Social Media zu zeigen, hätten sich vermutlich keine 119 Millionen Menschen mein Video angeschaut, in dem ich nach Feierabend die Bierbänke „aufstuhle“. Dann würde ich heute nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben.
„Für viele bedeutet die Wiesn ein paar Tage Ausnahmezustand. Für mich ist sie ein Gefühl.“
Mitten im Wiesn-Leben
Mehr als 400.000 Follower begleiten Celina Pscherer auf Instagram (@celina.psr) durch ihren Alltag als Wiesn-Bedienung im Hacker-Festzelt. Ihre Videos erreichen regelmäßig ein Millionenpublikum und zeigen die Wiesn aus einer Perspektive, die Gästen normalerweise verborgen bleibt – authentisch, humorvoll und immer mitten im Geschehen.
Warum freut sich Celina Pscherer trotz schwerer Masskrüge, fünfstelliger Schrittzahlen und 16 Tagen Ausnahmezustand jedes Jahr wieder auf die Wiesn? Von kleinen Ritualen, großen Gänsehautmomenten und ihrem ganz persönlichen Wiesn-Zauber erzählt sie im Oktoberfest Magazin 2026. Jetzt im Handel oder direkt hier bestellen.
Was passiert eigentlich auf der anderen Seite des Festzelts – auf der Bühne? SÜDHERZ-Bandleader Michael Waltner erzählt, wie man einen Wiesn-Abend musikalisch aufbaut und warum Tausende Menschen plötzlich gemeinsam mitsingen.

Mittendrin statt nur dabei: Für Celina Pscherer ist das Hacker-Festzelt längst mehr als ein Arbeitsplatz. Hier erlebt sie Begegnungen, Zusammenhalt und jene besonderen Momente, die für sie den Wiesn-Zauber ausmachen. © Foto: Jan Saurer @monacoshots