Kaum ein Fest hat sich über mehr als zwei Jahrhunderte so kontinuierlich verändert und zugleich seine Identität bewahrt wie das Münchner Oktoberfest. Was 1810 mit einem Pferderennen anlässlich der Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese begann, entwickelte sich zum größten Volksfest der Welt. Eine Geschichte über Wandel, Wiederholung und die Frage, wie aus etwas Neuem irgendwann Tradition wird.
Vom Pferderennen zum größten Volksfest der Welt
Auf den ersten Blick mag einem das Oktoberfest wie ein riesiger, unpersönlicher Konzern erscheinen, dem jegliche Tradition abhandengekommen ist. Was mit einem Pferderennen zu einer adligen Hochzeit begann, hat sich bis heute zum größten und beliebtesten Volksfest der Welt entwickelt. Es zieht Jahr für Jahr Millionen von Besuchern an.
Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass die Wiesn in den Anfängen nach 1810 ganz ohne Bierzelte und Karussells auskam. Lediglich ein Pferderennen war die Hauptattraktion. Die ersten Fahrgeschäfte standen viel später zudem nicht auf der Theresienwiese selbst, sondern auf der Theresienhöhe über dem Festgelände. Das liegt ewig zurück und kann in historischen Berichten, entsprechenden Büchern oder diversen Medien nachgelesen werden.

Seit über zweihundert Jahren prägen Fahrgeschäfte das Bild der Wiesn. Jede Generation bringt dabei ihre eigenen Attraktionen hervor. © Foto: @exithamster
Wie lebendig die Schaustellertradition bis heute ist, zeigt unsere Geschichte über das Teufelsrad und die Familie Polaczy.
Wann wird etwas zur Tradition?
Was ist oder wird auf dem Oktoberfest zur Tradition und wer legt das fest? Da gibt es zum Beispiel das Anzapfen, das eher zufällig entstand. Der damalige Oberbürgermeister Münchens, Thomas Wimmer, zapfte im Jahr 1950 in der Festhalle Schottenhamel an. Er ahnte nicht, dass er damit ein Ritual schuf, das bis heute jeder Oberbürgermeister pflegt und am ersten Samstag des Oktoberfests um zwölf Uhr vollzieht.
Wie aus dem Anstich ein Ritual wurde und was heute alles passieren muss, bevor es „O’zapft is!“ heißt, erzählen wir in Der Weg zum Anstich.
Eine jede Tradition hatte irgendwann ihren Anfang und jeder Wiesn-Besucher darf selbst festlegen, was für ihn Tradition ist, war oder vielleicht einmal werden wird.
Es gibt ein oft zitiertes Gleichnis: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Was heißen mag, dass echte Tradition nicht darin besteht, starr an der Vergangenheit festzuhalten, sondern vielmehr die ursprüngliche Begeisterung, die Werte und den Antrieb zu bewahren, sie lebendig an die nächste Generation weiterzugeben und so vielleicht ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.

Tradition bis ins Detail: Tracht gehört für viele Gäste untrennbar zum Wiesn-Besuch. © Foto: @exithamster
Wie sich eine der sichtbarsten Wiesn-Traditionen heute weiterentwickelt, zeigt unser Gespräch über Dirndl, Lederhose und den Wiesn-Stil 2026.
Das Oktoberfest in Stationen
Die Geschichte des Oktoberfests lässt sich nicht nur in Büchern nachlesen. Auch die offiziellen Wiesn-Plakate erzählen vom Wandel der Zeit – und davon, wie jede Generation ihre eigene Wiesn gestaltet.
1810 – Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Am 17. Oktober findet auf der späteren Theresienwiese ein großes Pferderennen statt – die Geburtsstunde des Oktoberfests.
1811 – Zum Pferderennen kommt erstmals ein Landwirtschaftsfest als Fachausstellung zur Förderung der bayerischen Agrarwirtschaft hinzu.
1818 – Das erste Karussell und zwei Schaukeln werden aufgestellt. Die Schaustellerei hält Einzug auf der Wiesn.
1819 – Die Stadt München übernimmt die Ausrichtung des Oktoberfests.
1835 / 1948 – 1835 findet zur Silberhochzeit von Ludwig I. und Therese der erste große Festzug statt. Seit 1948 wird der Trachten- und Schützenzug jährlich veranstaltet.
1850 – Die Bavaria wird feierlich enthüllt und zum Wahrzeichen über der Theresienwiese.
1881 – Auf der Wiesn eröffnet die erste Hendlbraterei.
1895 – Der Volkstrachten-Festzug findet auf dem Oktoberfest statt und wird zum Vorbild für den heutigen Trachten- und Schützenzug.
1898 – Georg Lang eröffnet mit seiner „Bierburg“ eines der ersten großen Festzelte der Wiesn. In dieser Zeit entstehen die großen Bierhallen, die das Erscheinungsbild des Oktoberfests bis heute prägen.

Auch die offiziellen Wiesn-Plakate erzählen vom Wandel der Zeit – und davon, wie jede Generation ihre eigene Vorstellung vom Oktoberfest gestaltet. © Foto: @exithamster
1935 – Erstmals nehmen alle Wiesn-Brauereien gemeinsam am Einzug teil. Daraus entwickelt sich der heutige Einzug der Wiesnwirte.
1938 – Das Pferderennen findet letztmals regulär statt. Später wird es nur noch zu den Jubiläumswiesn 1960 und 2010 veranstaltet.
1950 – Oberbürgermeister Thomas Wimmer eröffnet die Wiesn erstmals mit dem offiziellen Fassanstich im Schottenhamel. Eine neue Tradition ist geboren.
1980 – Beim rechtsextremen Oktoberfest-Attentat am 26. September werden zwölf Besucher sowie der Attentäter getötet und mehr als 200 Menschen verletzt.
2010 / 2011 – Zum 200-jährigen Jubiläum entsteht 2010 die Historische Wiesn. Aufgrund ihres Erfolgs wird sie seit 2011 als Oide Wiesn fortgeführt.
Wo findet man auf einer Wiesn mit Millionen Besuchern noch echte Gemütlichkeit? Warum lohnt es sich, das Festgelände einmal beim „Aufwachen“ zu erleben – und welche Traditionen schreibt jeder Wiesn-Besucher selbst weiter? Die ganze Geschichte lesen Sie im Oktoberfest Magazin 2026. Im Handel erhältlich oder gleich hier bestellen.
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Wenn sich die Röcke drehen, wird aus überliefertem Brauchtum gelebte Gegenwart – und Tradition bekommt jedes Jahr aufs Neue Bewegung. © Foto: @exithamster